Ihr Blick galt dem Fenster. Die dunklen, klaren Tropfen platschten mit einem sanften Geräusch auf das Fensterbrett und zerschellten in viele Tausend Teile. Ihr wurde kalt. Augenblicklich kalt. Ihre Gedanken wurden taub, ihre Augen wurden blind. Tränen fielen. Fielen nieder auf den hellen Teppich und hinterließen tiefe Wunden. Nicht im Teppich. In ihrem Herzen.
Wenn ich an die Zeit denke, die vergangen ist, glaube ich, dass ich schwach geworden bin. Zu oft habe ich Tränen vergossen, zu oft habe ich Höllenschmerzen gelitten und zu oft glaubte ich, daran zu sterben. Aber niemand versteht so recht, wieso. Nie konnte ich es in Worte kleiden, immer war ich unfähig zu beschreiben was in mir vorgeht. Ich wusste nie, ob mich jemand verstehen würde. Traute niemandem so ganz. Jeder, jeder und niemand. Niemand kannte mich. Niemand kennt mich. Jeder, jeder glaubt mich zu kennen. Jeder sagt, er wisse wie sich das anfühle. Doch ich glaube keinem. Ich wünsche keinem, was in mir vorgeht. Ich wünsche niemanden diese Schmerzen, diese Qualen, dieses Leid. Die Unwissenheit- ja, das ist das Schlimmste. Wenn du einen Glauben pflegst und im Nachhinein erfährst, dass alles gelogen war. Du verlierst einen Menschen, physisch und psychisch, du wirst ihn nie wieder sehen. Es besteht nicht die geringste Chance ihn zu sehen. Nie mehr.
1. Sebastién, der wichtigste Mensch in meinem Leben.
Zuerst will ich dir danken. Danken, für das, was du für mich warst. Danken, für das, was du für mich bist. Danken, für das, was du immer für mich sein wirst. Ich kenne keine Person, die mir das gegeben hat, was du mir gegeben hast. Ich kenne keinen Menschen, der so stark ist wie du. Keinen, der so wundervoll war wie du. Ich verschließe meine Augen vor anderen, denn ich will keinen anderen außer dir. Ich vermisse dich, wie ich keinen anderen Menschen vermisst habe. Ich habe sooft für dich geweint, habe sooft versucht dir zu helfen und bin im Endeffekt gescheitert. Ich hab versucht mich für dich zu ändern. Ich habe es geschafft. Für dich. Ich danke dir für all die wunderbaren Zeiten, die wir hatten. Für das Lachen, das du mir geschenkt hast. Für das Vertrauen, was du mir gegeben hast. Ich danke dir dafür, dass du einfach immer da warst. Dafür, dass du dir alles angehört hast und dafür, dass du alles versucht hast mich zu halten. Du warst der einzige Mensch, der immer versucht hat mich bei sich zu halten. Immer. Egal wie ich war. Egal welche Launen ich hatte. Und dafür danke ich dir. Wenn ich zurück denke, fallen mir so viele gute Zeiten ein. Sie durchlaufen meinen Kopf wie ein Film, ein dauernd laufender Film, einer, der nicht aufhört. Einer, der sich immer und immer wieder wiederholt. Ich danke dir für jede Erinnerung. Ich danke dir für jedes Wort und ich hasse dich für deinen Tod.
Ich erinnere mich an den Tag, an dem mein Leben ein Ende nahm. An dem ich meine Seele endgültig absprach. An dem ich innerlich entzweibrach. Der Tag brannte sich in meine Seele, wie ein Feuer es nie könnte. Es schmerzt fürchterlich, der bloße Gedanke, wie kaputt ich geworden bin. Ich sehe seither kein Mädchen, das lacht. Kein Mädchen, das Glück beherbergt. Kein Mädchen, das sich selbst schätzt. Ich sehe eins, das eine Maske trägt. Eins, das innerlich nicht flick bar ist. Eins, das kaputt gegangen ist und eins, das ihr Lachen verloren hat. Mir fehlt die Kraft ein Mädchen zu werden, das glücklich sein kann. Mir fehlt die Kraft, ein Mädchen zu werden, das lachen kann. Ein Mädchen zu werden, das keine Maske braucht. In mir ist etwas zerbrochen, es liegt in Scherben vor meinem inneren Ich. Ich wünsche mir so sehr endlich wunschlos zu sein. Endlich zu sühnen und endlich zu büßen. Ich wünsche mir so sehr ein Leben, in dem ich nicht leiden muss. Eins, das mir die Welt eröffnet. Doch ich habe nicht das Privileg dazu. Ich bescherte Trauer und Leid, ich bescherte Tod. Wieso sollte ich mir wünschen dürfen endlich einmal glücklich zu sein? Nein, nein. Das muss ein Ende haben. Diese Gedanken sind unberechtigt. Sie dürfen nicht sein. Sie sollten nicht sein.
Ich habe Angst. Schreckliche Angst. Angst, davor, allein zu sein.
Es gibt einen Menschen in meinem Leben. Er ist mir wichtiger als alles andere auf dieser gott verdammten Welt. Er ist nicht bei mir, das war er nur. Nur in einem Herzen, da ist er immer. Zu jeder Zeit. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Mein Herz schlägt für und mit ihm. Mein Herz ist alles, was ich ihm geben kann. Denn dort biete ich ihm Heim. Heim und Schutz und Liebe. Es gibt so viel, dass ich ihm gerne gesagt hätte. Zuviel, alsdass es mich nun vor Schuldgefühlen erdrückt. Es drückt und drück und presst und ERSCHLÄGT mich. Ich will dieses Gefühl nicht. Es ist nicht schön und es schadet mir, das weiß ich. Aber was tut man gegen Schuldgefühle? Ist es normal, einen Menschen im Stich zu lassen, weil es einem dadurch besser geht? Sollte man immer auf seinen eigenen Vorteil besinnt sein oder sollte man auch Opfer bringen? Ist es in Ordnung Liebschaften zu riskieren, wenn es einem psychisch an die Nieren schlägt ? Ich kenne die Antwort: NEIN. Und aus genau diesem Grund spüre ich noch nach mehr als einem halben Jahr diese Gefühle für die wichtigste Person in meinem Leben. Er war alles. Leben und Tod. Freude und Trauer. Er war für mich da, er gab mir Schutz und das war es, was ich wollte. Es ging mir schlecht und wer fing mich auf? Nicht meine sogenannten "Freunde". Nicht meine Eltern. Er fing mich in Momenten auf, in denen ich ohne seine Hilfe in die tiefsten Abgründe gestürzt wäre. Er war meine Rettung und bekommen hat er den Tod. Ich bin ein grausames Wesen. Ich fordere und fordere aber geben tue ich nichts // ODER: ich gebe nichts Gutes. Es ist zum Verzweifeln. Es schmerzt so sehr aber ich kann nichts gegen diese Gefühle tun. Ob ich nun lebe, ob ich nun kämpfe, ob ich nun liebe. Alles ändern nichts an den Gefühlen zu ihm. Zu dir. Denn du bist mir so verdammt wichtig, ich wollte dich nie missen. Erstrecht nicht an Tabletten und nicht ohne ein letztes Wort. Es gibt viel in meinem Leben, dass du nie mitbekommen wirst. Meine erste große Liebe, mein erster Kuss, mein erstes Mal. Alles Dinge, von denen ich dir gerne erzählt hätte. Ich habe dich nie vergessen, auch in Zeiten in denen wir nicht einmal Kontakt zueinander pflegten.
2. Daniel
Wenn ich an die Zeit denke, die wir hatten. Wenn ich an all die Momente denke, die wir geteilt haben. Es gibt so viel, was mich glücklich gemacht hat. Es gibt so viel, an das ich mich so gerne erinnere. Ich denke oft darüber nach, wieso es so geendet hat. Oft sitze ich nächtelang da, die Tränen laufen meine Wangen hinab. Ich sitze dort, auf meinem Bett, und denke darüber nach, was falsch gelaufen ist. Ich habe aufgehört, die Schuld an mir zu suchen. Doch es kann doch nicht sein, dass ich nichts Falsches getan habe. Ich würde alles dafür tun, diese Uhr zurück zu drehen. Einfach alles von vorne zu beginnen. Von Anfang an, und alles besser zu machen. Die Tränen laufen, wenn ich bedenke, dass das nie mehr sein wird. Und sie laufen noch viel mehr, wenn ich bedenke, dass ich ersetzt wurde.
Meine Gedanken schwenken an den Tag, an dem ich dich kennen lernte. Weißt du, ich habe es aufgeschrieben.
Die Sonne stand tief, kitzelte fast schon den Horizont. Das helle blau wechselte, weit hinten am Himmel, schon in sanfte orange und rosa Töne. Leises Zwitschern erfüllte die Stille, die entstand, als nur ein bis zwei Autos die große Asphaltstraße vor ihrem Haus hinab fuhren. Ihr Blick glitt zur Uhr. Es war eine Digitaluhr, welche am unteren rechten Rand ihres Displays auf 20:00 Uhr zeigte. Der Cursor blinkte in schwarz und weiß auf dem Monitor, gespannt . Tropf, tropf. Überrascht über die salzigen Tränen, die ihre Wangen hinab liefen, sah sie auf den kleinen Fleck auf ihrer Tastatur. Wie geht es dir? Ein leises Plingen entstand, als die Nachricht seiner auf ihrem Computer angezeigt wurde. Das rote ‚1‘ – Fähnchen in ihren Nachrichten zeigte ihr, dass sie eine neue Mail hatte. Die Tränen ignorierend setzte sie die Finger auf die schwarzen Tasten und begann zu antworten. Nicht so gut. Und dir? Die Antwort ließ auch diesmal nicht lange auf sich warten. Pling. Oh, wieso? Soll ich vorbei kommen? Sie lächelte ein trauriges, abwesendes Lächeln. Was sollte sie ihm sagen? Sie sprach nicht über Probleme, nicht mit jemandem wie ihm. Lange Geschichte, schon gut. Ein langes Seufzen. Kurz wanderte der Blick der Blondine zum Fenster. Die Sonne geht bald unter. Soll ich wirklich nicht vorbei kommen? Ein weiteres warmes Lächeln. Er machte sich wirklich Gedanken um das tränenüberströmte Mädchen. Stumm atmete sie tief ein, tief aus, setzte ihre Finger erneut auf die Tasten. Wenn du magst. Aber es ist spät… - Ist egal. Also bis gleich. *Ihr Gesprächspartner ist offline.* Stumm blickte die junge Frau auf das Display, sah das graue Zeichen und dachte nach. Er würde dreißig Minuten zu ihr brauchen.
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Schneller, sonst komme ich zu spät! Ihre Gedanken gingen wirr umher und galten doch nur dem einen Thema: Ihm. Die blauen Augen blickten aufgeregt durch die Gegend. Ein leises Tappen entstand, während das schlanke kleine Mädchen den Weg entlang lief. Nur noch eine Ecke trennte sie von der Station, an der er auf sie warten würde. Nur noch ein paar Schritte. Auch diese waren schnell getan, kurz schloss sie die Lider und atmete tief durch. Entschlossen ging sie auf ihn zu, blieb vor ihm stehen und wartete, bis er sich umdrehte. Ein zartes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Hey.“ – „Hey.“ Er erwiderte das Lächeln.
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Vorsichtig ließ sie sich auf der Bank nieder, die in ihrem Hinterhof stand. Sie deutete auf den Platz neben ihr und lächelte schwach, als er neben ihr Platz nahm. Bis hier war er so ruhig gewesen. Zu ruhig. Woran er wohl gedacht hat? Ein weiteres Mal atmete sie ruhig durch. „Die Geschichte ist wirklich lang…“ nervös biss sie sich auf die Lippen, knabberte an der Haut und traute sich nicht, ihn anzusehen. „Ist doch egal. Ich bin doch da.“ Die Freundlichkeit und Offenheit in seiner Stimme hatte sie gnadenlos überfordert. Ein leises ‚Hmm‘ signalisierten ihm, dass sie einen Anfang suchte. „Es gibt momentan viel, das mein Leben … schwer macht.“ Erklärte sie leise, ließ ihm aber keine Chance etwas darauf zu sagen. „Vor einigen Monaten habe ich jemanden verloren, der eine Schlüsselrolle in meinem Leben gespielt hat. Er war, nein, er ist eine der bedeutendsten Menschen für mich. Seit er weg ist kriege ich mein Leben nicht mehr auf die Reihe und die Tatsache, dass seine feste Freundin das gar nicht interessiert ist für mich unbegreiflich-…“ Tropf, tropf. Flink klimperte sie mit den Wimpern, wollte verhindern, dass er ihre schwache Seite kennen lernte. Das durfte nicht sein. Nicht jetzt, überhaupt nicht. Sie war schwach aber jetzt musste sie stark sein! Sie konnte nicht. Erbarmungslos tropften die Tränen ihre Wangen hinab während sie grob umschrieb, wieso er hier war. Die warmen Hände, die ihre unterkühlten Schultern umfassten, ließen sie erneut komplett aus der Rolle gleiten.
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„Du bist warm…“ murmelte sie leise. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter, während er ihr leicht die Tränen von den Wangen wischte. Sanft und behutsam, zumindest so sanft und behutsam, wie es mit den größeren Händen möglich war. „Mir ist immer warm.“ Gab er aufmunternd zurück. Minutenlang hatte er sie einfach nur gehalten. In Momenten, in denen sie einfach nur jemanden gebraucht hatte, der sie hielt, hielt er sie- gab ihr das Gefühl der Geborgenheit. „Danke…“ ihre Stimme klang gebrochen und heiser doch das interessierte sie nicht. Behutsam strich sie mit dem Daumen über seinen Handrücken, drückte sich an ihn und genoss die Wärme, die von ihm ausging. Überraschender weise war er nicht gegangen. Damit hätte sie gerechnet, ja. Aber er blieb. Ein wohliges Gefühl durchzog den Körper der Blondine während sie in seinen Armen lag und ihre Gedanken zu sortieren versuchte. Kurz zog eine Gänsehaut über ihren Körper, doch diese blieb nicht lange.
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Ihr Blick ging zum Himmel, der nun deutlich dunkelblau geworden war. Keine hellen Streifen, kein rosa. Nur dunkles Blau, matt und sternenlos. Nur hier und dort erkannte man einige. Ihre dürre Hand hatte die Finger mit denen seiner verschränkt und wieder strich ihr Daumen über seinen Handrücken. Die schlanken, in schwarzen Schuhen steckenden, Füße taten kleine Schritte auf dem Weg zur Bushaltestelle, die gut fünf Minuten von ihrem Hof entfernt lag. Im Hinterkopf zählte sie schon die Autos, die an ihr vorbei fahren würden. Eins, zwei, drei. Stille. Unwillkürlich drückte die Blonde die Hand des Dunkelhaarigen und suchte seinen Blick, der, wider erwarten, erwidert wurde. Erneut setzte das sanfte Lächeln auf den Lippen ihrer ein. Sie war im Moment so furchtbar glücklich. Das darf nicht sein.
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Seine kräftigen Hände hielten ihre beiden, während sie in dem Haltehäuschen standen und auf den Bus warteten. Vorsichtig zog er sie nach hinten, verwirrt stolperte sie einen halben Meter nach vorne und fand ihr Gesicht vor seiner Brust wieder. „Hu..“ stieß sie hervor. Er grinste verschmitzt während sie die Stirn an sein Hemd lehnte. Ihr Kopf war leer, nur leer. Nichts als Leere. Wie ein Vakuum. Doch über die Leere würde sie erst später nachdenken können. Die warmen Finger des Jungen umfassten sanft ihr Kinn, hoben es an. Ihre Augen weiteten sich, bis sie die spröden Lippen seinerseits auf ihrem, vom Schock, trockenem Mund spürte.
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Sekunden vergingen, in denen ihre Finger verhakt verharrten, während der dunkle Bus aus der Ferne langsam auf die Haltestelle zufuhr. Der Moment ließ die Zeit anhalten, sie blickte über die Schulter zu ihm, er erwiderte den Blick mit einem Lächeln. Endlos verwirrt setzte sie den Weg nachhause an, wo sie zwei Tage später erfahren würde, was vorerst ihr Leben verändern würde. Mein erster Kuss.
Es war so schön. Zu schön. Es war perfekt. Zu perfekt. Es nahm ein Ende.
Und nun, was bin ich nun? Ich bin doch nur Irgendwer für dich. Jemand, der dir irgenwo wichtig ist, doch wieso kannst du dich nicht entscheiden? Für oder gegen mich.


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